Dienstag, 22. Mai 2012

Soziales Engagement: Wenn Verantwortung beim PR-Text endet

Ein stundenlanges Vorstellungsgespräch endet mit hoffnungsvollen Ankündigungen von Praktika und Angestelltenverhältnissen. In ein, zwei Wochen würde man sich melden. Vier Monate vergehen…

… und erst nach Interventionen über Verwandtschafts- und Bekanntschaftsbeziehungen wird die ausnahmsweise Zusage für ein unbezahltes Praktikum erteilt. Dabei ist das Gebaren der bauMax AG in Fällen wie jenem wahrscheinlich kein Einzelphänomen. Der Arbeitsmarkt bietet "normalen" Menschen kaum Entwicklungsmöglichkeit, wie schwer haben es erst Menschen mit Beeinträchtigungen?

Stefanie hat einen Hauptschulabschluss, zusätzlich ein Polytechnikum sowie eine Bundesfachschule für wirtschaftliche und soziale Berufe absolviert. Aus ihrem bescheidenen Traum-Beruf der Kindergartenhelferin wurde sie hinausgemobbt. Es folgte eine Karrierestation als Reinigungskraft bei einer Hausbetreuungsfirma. Heute ist sie 29 Jahre alt und arbeitet seit mehreren Jahren als Telefonistin für Verlage und Marketingfirmen, so genannte Call Center - natürlich freiberuflich, also ohne Urlaubsansprüche und ausreichende Absicherung im Krankheitsfall. Aber Stefanie hat eine Kämpfernatur. Nur so ist ihre unverändert positive Grundeinstellung zu erklären, die andere längst verloren und es sich im flauschigen Netz Österreichischer Sozialleistungen bequem gemacht hätten. Sie wird sich nicht unterkriegen lassen.

Denn würde man den verheißungsvollen Presse- und PR-Texten von bauMax und den anderen glauben und sich auf jenes soziale Engagement verlassen, mit dem man sich nach außen hin gerne schmückt, dürfte man von einem betreuten Gnaden-Praktikum zum nächsten hüpfen - um am Ende erst recht von der Wohlfahrt zu leben. Ist dies das Ziel der Unternehmen, die sich damit brüsten, die berufliche Integration von beeinträchtigen Menschen zu fördern?

Soziale Verantwortung (NeuDeutsch: "Corporate Social Responsibility", CSR) endet also in vielen Fällen mit werbewirksamen Inszenierungen: Tageweises "Hineinschnuppern" in die echte Arbeitswelt der "Normalen" wird angeboten, oder dass Produkte aus den "Werkstätten" verkauft werden dürfen. Auch Feste und Sportveranstaltungen werden im Zeichen der "Menschen mit Handicap" unter gut sichtbarer Firmenflagge veranstaltet. Was bleibt, ist das menschenfreundliche Image bei der Zielgruppe - und das hinterm Horizont verschwindende Bild eines unerreichbar scheinenden "normalen" Lebens für die "Gehandicapten".

Befindet man sich in der - wohlgemerkt: nicht selbst-verschuldeten - Situation, aufgrund von Schwächen und Beeinträchtigungen von der Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und Sub-Systemen ausgeschlossen - zumindest dabei behindert - zu werden, fällt ein autonom geführtes Leben schwer genug. Aber Benachteiligte nicht nur nicht zu fördern, sondern ihr Schicksal zu Marketing- und PR-Zwecken zu missbrauchen, sollte in unserer aufgeklärten Gesellschaft zumindest für Empörung sorgen. Doch wie so oft, wenn es um demokratiepolitisch irrelevante Minderheiten geht, beruhigt die Gesellschaft ihr kollektives Gewissen durch Auslagerung der Sorgen an mildtätige Organisationen und Pro-Forma-Beratungsstellen. So wie Firmen mit genau diesen Beruhigungsinstitutionen Partnerschaften eingehen, um sich als Förderer selbst zu feiern - und damit niemand sagen kann, man würde keine "soziale Verantwortung" zeigen. Die wird sehrwohl gezeigt, ernsthaft gelebt wird sie nur selten.


Dass Stefanie "arbeitsfähig", erst recht arbeitswillig, ist, hat sie uns allen - ihrer Familie - in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt. Für Ausdauer und Willensstärke ist sie uns ein unerreichtes Vorbild. Die erfolgreiche Integration in gesellschaftliche Prozesse aber, zu denen auch ein geregelter Arbeitsalltag gehört, braucht echtes Engagement vonseiten jener Arbeitgeber, die wirklich sozial verantwortungsvoll agieren und deren Bewusstsein für beeinträchtigte Arbeitnehmer/-innen sich nicht auf das Verfassen wohlklingender Firmenphilosophien und sympathischer Werbetexte beschränkt. Die unser aller Gewissen nicht an einzelnen "Aktionstagen" zu beruhigen versuchen, sondern die Menschen ungeachtet ihres sozialen Status' ein selbstbestimmtes und würdevolles Arbeitsleben ermöglichen und somit einen wertvollen Beitrag zum Funktionieren unserer komplexen Gesellschaft leisten.


An all jene richte ich den expliziten Auruf, sich bei uns zu melden, wenn sie mehr über Stefanie erfahren und ihr eine wohlverdiente Chance geben möchten. Alle anderen rufe ich dazu auf, etwas an diesem empörenden Zustand unserer Gesellschaft ändern zu wollen, für ein wenig mehr Gemeinschaft.


Post scriptum: Ich bin keiner, der (natürliche, juristische oder sonst irgendwelche) Personen bei der ersten Gelegenheit unter dem Deckmantel scheinbarer Anonymität an den virtuellen Pranger stellt. Es ist die Enttäuschung nach vier Monaten des Wartens und nach all den Jahren vergeblicher Bemühungen um Assistenz, die mich dazu veranlasst hat, die Realität darzustellen, freilich ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben.

Sollte es anderen Arbeitssuchenden (mit Beeinträchtigung) ähnlich wie beschrieben ergangen sein, meldet euch. Auch die mit etwas mehr Glück sind herzlich eingeladen, hier von ihren positiven Erfahrungen zu berichten.


Ach ja, bezüglich der Sache mit der Anonymität:
Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Gregor Tatschl
Wagramer Straße 107,
1220 Wien
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Donnerstag, 20. Oktober 2011

Bin dann mal "da" gewesen

Nicht, dass man explizit darauf aufmerksam machen müsste. Aber hinter jedem Satz gehört ein Punkt, der dessen Ende markiert.

Und so setze ich an dieser Stelle einen Punkt - sinnbildlich geschrieben. Ich ziehe weiter mit der Erkenntnis: Ich bin kein Blogger. Weder habe ich etwas zu sagen, das mündige Menschen, die sich wahrnehmend durch die Welt bewegen, nicht selbst erkennen, noch habe ich Zeit und innere Ruhe, um mich zum Nischenexperten "hinauf" zu arbeiten. Schreiben erfordert Recherche, Recherche erfordert Zeit, und wer meint, er könne nebenbei Qualitätvolles mit Neuwert fabrizieren, liest zu selten ebensolches.

Weil also Gehaltvolles anderswo geschrieben wird und das Web bereits bis zum - wiederum sinnbildlichen - Rand mit Meinungen und Kommentaren gefüllt ist und unaufhörlich weiter befüllt wird, beschränke ich mich aufs Wesentliche...

... natürlich nicht, ohne auf die vielen, vielen anderen hinzuweisen, die im Rahmen eines Projekts gesammelt wurden: Österreichs Blogs gibt es hier in einer übersichtlichen Liste.

Meine digitalen Spuren hinterlasse ich
weiterhin sporadisch:


Weil einfach "da" zu sein nicht reicht, wenn man mehr erwartet als bloß diese Erkenntnis.

;-)

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Für Offenheit und freien Verkehr

Es sei gebrochen - erstens mit meinem beharrlichen Schweigen der letzten Monate. Und zweitens eine Lanze für offene Quellen.

Wer überraschende Neuigkeiten, revolutionäre Entdeckungen oder gewinnversprechende Ratschläge erwartet, profitiert am meisten, wenn er oder sie sich wegklickt in die heimeligen Gefilde bei Twitter und Google+. Viel Spaß (denn darum geht's ja)!

Und? Noch hier? Ach ja, bitteschön, hier geht's nachhause zu Facebook (you like?).

Selektion

Jetzt sind wir also unter uns, unter Freunden sozusagen, jedenfalls darf man davon ausgehen, dass wir bereits jetzt schon einer Meinung sind, noch bevor ich auch nur ansatzweise für oder gegen irgendetwas zu argumentieren beginne. Weshalb ich mir selbiges angenehmerweise ersparen kann.

Ich bin ein Freund. Ja, auch von einer Handvoll "Facebookern" und damit laut Statistik unterdurchschnittlich sozial vernetzt. Aber vor allem bin ich ein Freund offener Quellen und freien Datenverkehrs.

Weil OpenSource so unheimlich abschreckend klingt und ihm in meiner bisherigen Wahrnehmung der Mief des Alternativen anhaftete, beschränkte sich mein Interesse in dem Zusammenhang vorwiegend auf Möglichkeiten zur "Kostenreduktion". Doch wer sich Pakete wie den GIMP nur aus diesem Grund heruntergeladen hat, wird die gleiche enttäuschende Erfahrung gemacht haben wie ich: Es geht nichts über Photoshop.

Kosten sparen zu wollen, ist die absolut falsche Motivation hinter der Nutzung von OpenSource-Software. Zumindest eine unbefriedigende. Es macht schlicht einen nachvollziehbaren Unterschied, ob ein paar Enthusiasten für ihre Sache kämpfen oder ob Konzerne erwartungsvoll in Entwicklerarmeen investieren.

Vereinigte Minderheiten

Mich hat der OpenSource-"Spirit" durchdrungen, als ich den Schritt zu Diaspora gewagt habe. "Gewagt", weil es den Mut zur Einfachheit bedarf, vor allem, wenn man üppige, aufgeblasene, funktionsstarke Plattformen wie Facebook gewohnt ist. Doch dass ich gewohnt war, bei Problemen oder Fragen mit zahllosen "Hilfe-Seiten" alleine gelassen zu werden, hat mich auf Diaspora nicht schlecht staunen lassen: Fragen werden umgehend beantwortet - persönlich von federführenden Entwicklern oder stark involvierten Nutzern. Und das nicht nur in Foren und Postings, sondern auch per guter, alter eMail.

Das gilt auch für ein anderes hochspannendes Projekt, OpenPhoto, das es möglich machen soll, seine Fotos im Social Web mit anderen zu teilen und gleichzeitig auf theoretisch unbegrenztem Speicherplatz am eigenen Server oder in der "Could" zu lagern, anstatt sie zu Flickr oder anderen kommerziellen Anbietern zu schicken (und sich mit beschränkten Gratis-Accounts zufrieden zu geben). EMails werden auch bei OpenPhoto von Leuten beantwortet, die wissen, worum es geht.

Sozial ≠ Sozial

Meine Wahrnehmung der OpenSource-Gemeinschaft und ihrer Projekte hat sich stark gewandelt: Anstatt alternativer Nerds mit ausgeprägter sozialer Inkompetenz handelt es sich im Gegenteil um stark sozial orientierte (und organisierte) Befürworter einer freien Internet-Nutzung.

Während Facebook & Co. soziale Handlungen ermöglichen und evozieren, um sie (zwecks Monetarisierung) zu beobachten, schaffen Diaspora, OpenPhoto und die vielen anderen
tatsächlich einen sozialen Interaktionsraum bei gleichzeitiger Wahrung der Privatsphäre. Hier teilt man seine Inhalte gezielt mit konkreten Adressaten, wie man es im Rahmen "herkömmlicher" sozialer Interaktion auch täte - mit dem großen Vorteil, mehr oder weniger rirrtümlich Geteiltes oder Überholtes zurückziehen zu können ohne befürchten zu müssen, dass sie von Dritten unkontrollierbar bis auf unbestimmte Zeit gespeichert werden ("Grusel-Mark will unser Leben" oder: "Lebenslang und ohne Bewährung").

Das positiv konnotierte Adjektiv "sozial" hat auf Diaspora für mich erstmals Berechtigung. Was nicht heißt, dass ich meinen Facebook-Acount löschen werde: Es muss auch Raum für Werbung geben, und dafür bleibt Facebook definitiv ein starkes Mittel zum Zweck.


Projekte, die kürzlich mein Interesse geweckt haben:

  • Cherokee: http://www.cherokee-project.com
  • Diaspora: http://diasporafoundation.org • D*-Pods (Diaspora-Server): http://podupti.me
  • FreedomBox: http://www.freedomboxfoundation.org
  • NGINX: http://wiki.nginx.org
  • OpenPhoto: http://theopenphotoproject.org

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