"Hört einen Tag mich, eine Stunde bloß,
nur einen Augenblick, auf dass ich
nicht vergeh' im Grauen wilder Einsamkeit!
O Gott, ist niemand da,
der mich hört?"
Eine Hymne auf Twitter? Vor rund 2.000 Jahren formulierte Seneca, was heute kaum treffender gesagt werden könnte (zit. nach Schenk / Schenk 1998, S. 12). In der Zeit des "Social Web", einer omnipräsenten Eigenpublizität, ist Kommunikation ein allgegenwärtiger Imperativ - communicato!
Und es stellt sich mir die Frage, wieso und wozu wir "Statusmeldungen", persönliche Ansichten oder Appelle an die community in 140-Zeichen-Korsetts pressen, Leser, Klicks und Abonnenten zählen und uns dadurch am Ende des Tages - vielleicht - in irgendeiner Form bereichert fühlen.
Nutze!
Oft wird er gepriesen, der mögliche kommerzielle Nutzen von Microblogging. Die unzähligen Agenturen und Web-2.0-Dienstleister wittern neue Betätigungsfelder und Einnahmequellen, Kleinunternehmen sehen in Twitter einen kostenlosen Werbekanal mit enormer Reichweite und Suchmaschinen erweitern ihr Angebot um die "Echtzeit-Suche". Aber wie viele Geschäftskontakte haben sich auf Twitter angebahnt, und wer liest schon - geschweige denn reagiert auf - die unzähligen einzelunternehmerischen Selbstreferenzen, manchmal wegen des Platzmangels aufs Unverständlichste komprimiert? Wie viel Fachkompetenz lässt sich mit 140 Zeichen (im Idealfall weniger) vermitteln, um damit für sich und seine Angebote zu werben?
Und was ist der mögliche Nutzen für jeden Einzelnen? Wie viele Freundschaften (im ehemaligen Sinn) werden auf Twitter geschlossen oder gepflegt? Wenn der kommerzielle Nutzen zweifelhaft ist, wie wahrscheinlich ist ein individueller?
Twitter mag rein technisch als praktisches Surf-Logbuch dienen, um Notizen, Gedanken und Adressen während des Websurfens zentral abzulegen und gleichzeitig Bekannten und Freunden zugänglich zu machen. Es mag ein netter Zeitvertreib sein mit dem Potenzial, für interessante Verweise und bissige Kommentare soziale Anerkennung zu erwerben (operante Konditionierung). Was es vielleicht aber am ehesten ist: ein Tool für die Kommunikation mit sich selbst.
"Erst in der Kommunikation erfahren (und erleben) Sprecher, was sie gemeint haben, als sie gesagt haben, was sie gesagt haben," erklärt Sigfried J. Schmidt die Kopplung von Kommunikation und Kognition (1998, S. 61). Er verweist damit auf eine "Realität" als eine "in der Kommunikation [...] erzeugte [...] Wirklichkeit kollektiven Wissens über die Wirklichkeit" (1998, S. 63). Kommunikation - auch die mit sich selbst - erzeugt und bestätigt eine Wirklichkeit, die sich je nach Vernetzungsgrad zwischen Kollektivität und Individualität bewegt. Die Kommunikation mit sich selbst findet auch dann statt, wenn einem - wie auf Twitter - eine mehr oder weniger disperse potenzielle Leserschaft gegenüber steht. In Medien (nicht nur auf Twitter) entsteht das, was wir "Realität" nennen also "als Resultat der sich selbst bestätigenden Selbstreferenz und Selbstorganisation [...] [von] Kultur" (als Werte- und Symbolsystem; 1998, S. 66).
(Selbst-) Referenz
Vielleicht ist der individuelle Nutzen von Twitter und anderen "Social Web"-Diensten weniger die soziale Vernetzung (die in Anbetracht ihrer Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit maximal eine pseudosoziale sein kann), sondern die durch die ständige Selbst- und Fremdreferenz ermöglichte Wirklichkeitskonstruktion sowie die Vergewisserung des eigenen Selbst - also der eigenen, immer wieder aufs Neue auszuhandelnden oder zu bestätigenden Identität(en). Dies geschieht - wenn man sich an Martin Bubers Ich-Du-Dialektik orientiert - vor allem am virtuellen Gegenüber im Web 2.0: "Der Mensch wird am Du zum Ich", wie es Buber (1958, S. 29) existenzphilosophisch formuliert.
Twitter als referenzielles Tool zur Identitäts- und Wirklichkeitskonstruktion? Der Psychologe Carl Rogers würde den öffentlichen Kurznachrichten vielleicht sogar therapeutische Wirkung zuschreiben, denn durch intensives "Auf-sich-Hören" - einer Art existenzieller Kommunikation mit meinem Selbst - setzt Selbstfindung ein, die Rogers einen "Prozess der Möglichkeiten" (1973, S. 172) nennt; als hätte er sich direkt auf heutige Kommunikationstechnologien bezogenen, deren signifikanteste Besonderheit ihre Virtualität darstellt ("Das Virtuelle ist das Mögliche, das jederzeit und überall auch anders Mögliche", Kamper).
Theoretisch weiter gesponnen, schließt sich somit der Kreis von der intra-individuellen Kommunikation auf Twitter über ihre Selbstreferenz und doppelten Kontingenz (Virtualität) bis zur systemtheortischen Erkenntnis, dass die kleinsten Einheiten einer Gesellschaft (oder "community") nicht Individuen, sondern Kommunikationen sind. Und für den Bezug auf binäre Codes reichen 140 Zeichen allemal...
Vorsicht! Tabubruch
Der für mich einzige sichtbare Nutzen von Twitter (oder dem "Social Web" im Allgemeinen) besteht daher in der individuellen Realitätskonstruktion und in der Definition einer mehr oder weniger bewusst gewählten Systemzugehörigkeit. Plattformen wie Twitter sind der Inbegriff von Distinktion, Ausschluss, Codes (im doppelten Sinn) und Referenz zur Konstitution von Sinn und Bedeutung (wer "folgt" wem, wem "folge" ich, welche sind passende / anerkannte "hash tags" etc.). In der Euphorie wird die daraus resultierende Problematik gerne übersehen:
Neue Kommunikationstechnologien sind nicht ausschließlich vorteilbehaftet. Die erwähnten Funktionen des Microblogging haben - wie gesagt - durchaus ihren Nutzen. Tweets schrauben aber wie kaum eine andere Kommunikationstechnologie an der sozialen und kulturellen Basis: Sprache wird der Technologie angepasst (zB. komprimiert), die Anschlussfähigkeit von Mitteilungen wird zunehmend formal durch Hyperlinks und kategorisierte Schlagworte hergestellt anstatt über gemeinsame Wissensbezüge und kollektiv geteilte Symbole (Kultur). Diskurse, länger als ein paar Tweets (und in Summe ein paar Hundert Zeichen) sind technologiebedingt unwahrscheinlich. Droht ein Defizit an gesellschaftlich notwendiger Kommunikationskompetenz, wenn Aufmerksamkeitsspannen, Ausdauer und Interessensspektren schrumpfen?
Es ergibt sich die interessante Überlegung, in wie weit eine immer höher-gradig individualisierte und individualisierende Kommunikation (auf Twitter & Co.) zu immer stärker fragmentierten Sub-Systemen führt (im Extremfall so viele Sub-Systeme wie quasi mit sich selbst kommunizierende Individuen). Wird es den unter Publikumschwund leidenden traditionellen Massenmedien gelingen, all die gesellschaftlichen Sub-Systeme zu "synchronisieren" (vgl. Jarren 2008; PDF), hinsichtlich der für alle Gesellschaftsmitglieder relevanten Themen zu orientieren (um zB. demokratische Entscheidungsprozesse mit mehrheitlich akzeptierten Ergebnissen zu ermöglichen)?
Wichtige, gesellschaftspolitische und soziale Funktionen erfüllt Twitter - meiner Meinung nach - (noch) nicht. Bei der Vielfalt und Flüchtigkeit von Interkationsangeboten und -partnern sollte man auch keine allzu große "Werbewirkung" erwarten. Viel augenscheinlicher sind Twitters individuell nützliche Funktionen zur Wahrnehmung (Konstruktion) von Wirklichkeit und des eigenen Selbst, zum Kennenlernen und Gestalten der eigenen Identität(en). "Social Media ist [...] die logische Fortsetzung grundsätzlicher sozialer Bedürfnisse von Menschen" (Nelles, nach Jacobsen 2009), den Bedürfnissen also, am virtuellen Anderen "Ich" zu werden - was uns Twitter, Facebook & Co. nun immer und überall quasi auf Knopfdruck ermöglichen. Selbstfindung 2.0...?
Zum Nachlesen
Buber, Martin: Ich und Du; Sonderausgabe zu Martin Bubers achtzigstem Geburtstag am 8. Februar 1958; Um ein Nachwort erw. Neuausg.; Schneider Verlag, 1958
Jarren, Ottfried: Massenmedien als Intermediäre. Zur anhaltenden Relevanz der Massenmedien für die öffentliche Kommunikation;
in: M&K - Medien & Kommunikationswissenschaft, 56. Jg., Heft 3-4 2008; S. 329 - 346
Krämer, Sybille (Hsg): Medien - Computer - Realität. Wirklichkeitsvorstellungen und Neue Medien; Suhrkamp, 1998
Rogers, Carl R.: Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten; Ernst Klett Verlag, 1973
Dienstag, 16. März 2010
Twitter - Selbstfindung 2.0?
Von Gregor T. um 14:24 0 Kommentare
Mittwoch, 11. November 2009
Kommunikation = Werbung
Werbung, ein Spezialfall von Kommunikation? Unwahrscheinlich, vor allem nach einem Blick in das "social web", oder auf unsere eigenen Kommunikationsgewohnheiten.
Die Gleichung ist banal, wirkt fast billig, und wird hier sicher nicht zum ersten Mal formuliert: Kommunikation ist gleich Werbung, Werbung ist gleich Kommunikation. Wer Werbung also für einen Spezialfall der menschlichen Kommunikation hält, sie nur im Zusammenhang mit kommerziellen Interessen wahrnimmt, sie lediglich als professionell betriebene Überredungskommunikation versteht, sollte beim nächsten Gespräch mit Freunden genauer hinhören.
Oder man wirft einen Blick auf formalisierte zwischenmenschliche Kommunikation, wie sie im Web 2.0 bzw. dem "social web" vorliegt. Die Standardisierung sprachlicher Ausdrücke im Web minimiert nonverbales Rauschen und gibt den Blick frei auf hochprozentige Werbung. Die ist vielleicht selten beabsichtigt und noch seltener bewusst, aber wer im Web kommuniziert, der wirbt.
Auf der Metaebene
Schulz von Thun (2002, S. 14ff, S. 44ff) hat im Rahmen seiner kommunikationspsychologischen Arbeit Ansätze von Watzlawick (Inhalts- und Beziehungsaspekt von Kommunikationen) und Bühler (Appell, Symbol und Symptom von Sprache) kombiniert zu einem Modell sprachlicher Kommunikation, in dem jede Nachricht vier Seiten hat: den eigentlichen Sachinhalt genauso wie Informationen über die Beziehung (zum Adressaten), Teile von Selbstoffenbarung sowie einen Appell. Vieles, das in "social networks" gesagt bzw. geschrieben wird, könnte man wahrscheinlich anhand dieser vier Aspekte analysieren, wobei Beziehungsaspekte von Nachrichten im Web durch sichtbare Verknüpfungen mit "Freunden" und durch "Nachrichten-Threads" oft besonders offenkundig werden.
Rückt man also von formalen Definitionen professionell betriebener (Wirtschafts-) Werbung (als geplante, zielgerichtete, zwangfreie Einflussnahme auf Einstellungen gegenüber Werbeobjekten; zB. vgl. Siegert/Brecheis 2005) ab, und legt man den Fokus auf den Appellaspekt von Nachrichten, wird die Gleichung plausibel: Wer kommuniziert, der wirbt - und appelliert dafür, das Erreichen der eigenen Ziele zu ermöglichen.
Werbung, etwas ganz Natürliches
Auf der Suche nach Prestige, sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung werben wir unentwegt für unsere Ideen, Einstellungen, Ideologien, Absichten - werben also mit allem was wir sagen, tun und wie wir uns nicht-sprachlich präsentieren für die Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen. Augenscheinlich werden diese Persuasionsversuche in Gesprächen zu Entscheidungsfindungen (Restaurant X oder Café Y?), insbesondere wenn ein gewisses "Anerkennungskonto" - zB. bei Fremden - erst "erworben" werden muss. Aufgrund der spezifischen Form von Kommunikation ist persönliche Werbung nirgends leichter zu beobachten als im Web 2.0.
Werbemedium Web 2.0
Der Antrieb des "social web" ist die Suche seiner Nutzer nach sozialer Anerkennung und Prestige. Jeder Video-Upload, jeder Diskussionsbeitrag, jeder Tweet und jede Facebook-Statusmeldung (zugegeben, wohl auch dieser Blog-Eintrag) wirbt auf einer Metaebene für seinen Autor bzw. seine Autorin. Oft geschieht das unbewusst, wenn zB. von prestigeträchtigen Freizeitbeschäftigungen oder persönlichen Highlights berichtet wird (mit dem impliziten Appell, doch bitte die eigenen Qualitäten und Kompetenzen wahrzunehmen und anzuerkennen). Selten wird diese natürliche Werbung, die jeder Kommunikation quasi innewohnt, bewusst wahrgenommen. Wir haben uns wahrscheinlich seit je her an permanente (Eigen-) Werbung gewöhnt.
Für strategische (Wirtschafts-) Werbung birgt dieser Umstand gerade im Werbemedium Web 2.0 ein im doppelten Sinn ungeheures Potenzial. Das Engagement des Werbeunternehmens Google, mittels eines völlig neuen Protokolls namens "Wave" die gesamte Kommunikation im Web zu revolutionieren, spiegelt dieses Potenzial wider. Online-Werbung erfährt nicht von ungefähr im Unterschied zu klassischer Werbung auch in Krisenzeiten einen Aufschwung. Wird sich professionelle Werbung künftig hauptsächlich zwischenmenschlicher Kommunikation bedienen? Wird zwischenmenschliche Kommunikation von ihr zunehmend instrumentalisiert werden?
Das Werbemedium Web 2.0 bietet dafür jedenfalls die besten Voraussetzungen. Es ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht ein Medium hochgradig personalisierter Werbung, sondern durch und durch ein Medium für persönliche Werbung, also Kommunikation... das heißt: Werbung.
Von Gregor T. um 17:00 2 Kommentare
Samstag, 26. September 2009
Ethik 2.0
Anfang Juni 2009 nahm der Österreichische Internetrat seinen Dienst auf. Dieser hat sich einer Online-Ethik sowie der freiwilligen Selbstkontrolle verpflichtet und gibt Empfehlungen für moralisches Verhalten im Web.
In kaum einer anderen Situation werden die Grenzen des Anstands, Respekts und des guten Geschmacks so aufgeweicht wie im Web 2.0, wo praktisch jeder Nutzer Inhalte publizieren, verbreiten, neu verknüpfen und verlinken (entkontextualisieren), kommentieren und bewerten kann. Der Frage nach moralisch "richtigem" Online-Verhalten und dem Einhalten ethischer Prinzipien gebührt daher eine besondere Betrachtung.
Zu diesem Zweck wurde Anfang Juni 2009 der Österreichische Internetrat ins Leben gerufen. Selbstbewusst berichteten die fünf Gründungsmitglieder des ÖIR damals von ihren lobenswerten Zielsetzungen, der geplanten Arbeitsweise und ihrem ethischen Selbstverständnis. Allerdings ergeben sich bei einem näheren Blick meiner Meinung nach ethisch problematische Aspekte, die in die Diskussion um eine Online-Ethik einfließen müssten.
"Exklusive" Abmahnungen bei Ethik-Verstößen
Das Ziel der freiwilligen Selbstkontrolle steht im krassen Widerspruch zur Gründung einer externen Organisation durch Einzelne, die - quasi von außen - "Internet-Surfer dazu bringen [möchten], sich näher und enger mit dem Konzept der freiwilligen Selbstkontrolle auseinanderzusetzen" (futurezone.orf.at). Die Nutzung einer gemeinsamen technischen Infrastruktur (dem Internet) alleine macht niemanden zum Teil einer virtuell-sozialen Gemeinschaft. Auch die Diktion des ÖIR entspricht nicht dem angepriesenen Konzept: Abmahnungen, Ermittlungen und Verurteilungen können nicht Teil eines ethischen Programms und schon gar nicht eines zur freiwilligen Selbstkontrolle sein.
Gleichzeitig beschwichtigt der ÖIR, keine "normative Ethik" für das Internet erarbeiten zu wollen. Dabei wird Medienethik durchaus als "normbegründend" verstanden (vgl. Funiok 2002; in: Karmasin 2002: Medien und Ethik) - und zwar in der Hinsicht, die Logik moralischer Normen und praktizierter Handlungsweisen zu erörtern (und eben zu begründen). Es wäre daher die Aufgabe einer ernstzunehmenden Kontrollinstanz, die moralischen Normen und Werte innerhalb einzelner Online-Communities zu thematisieren, um auf diese Weise eine integrierte Reflexion anzuregen, anstatt auf (Beschwerde-) "Eingaben" mit moralischen Urteilen zu reagieren.
Doch dazu bedarf es interner, transparenter Diskurse, die von einer möglichst breiten Basis getragen werden. Ein gutes Beispiel für diese Vorgehensweise bieten die unzähligen partizipativen Angebote im Web 2.0, wie zB. Diskussionsforen, die wir alle kennen, wenn wir im Web nach Hilfe bei technischen Problemen suchen oder uns über spezielle Interessen austauschen möchten. In solchen Foren sind übrigens so gut wie immer Kodizes etabliert, die Verhaltensnormen für Teilnehmer verbindlich machen - ebenso wie die bis ins kleinste Detail ausgefeilten Geschäftsbedingungen aller großen Web-2.0-Plattformen wie Facebook oder Twitter. Die Notwendigkeit (und Reichweite) zusätzlicher Leitfäden, erstellt von externen, nationalen "Arbeitsgruppen", ist daher stark begrenzt.
Das Web 2.0 stellt aus ethischer Sicht zweifellos eine besondere Herausforderung (für alle Akteure) dar. Gleichzeitig ermöglicht das "social web" wie kein anderes Medium zuvor die Integration aller Interessensgruppen und ihre Teilnahme am ethischen Diskurs (zB. vgl. Karmasin & Winter 2002; in: Karmasin 2002). Denn eine angewandte Online-Ethik, oder: Ethik 2.0, kann nicht von außen agieren, um "innere Steuerungsressourcen" (Funiok 2002) zu etablieren.
Leider lädt die ÖIR-Website aber durch ihre Exklusivität ganz und gar nicht zum breiten Diskurs und Austausch ein, sondern sieht sich als selbstlegitimierte Institution zur Ahndung von Ethikverstößen. Auch die Imitation verstaubter, österreichischer Bürokratie (Ethik-Beschwerden haben mittels Eingabe zu erfolgen) trägt nicht zur Öffnung der Kommunikation bei. Obendrein impliziert die Verwendung von visuellen Gerichtsmetaphern einen weiteren ethischen Widerspruch. Es entspringt offenbar dem Kommunikationskonzept, dass von der angeblichen "Eingabeflut" bisher kaum ausgearbeitete Empfehlung einsehbar und nachzulesen sind (womit ihr Potenzial zur Bewusstseinsbildung ungenutzt bleibt und "Transparenz" zum guten Vorsatz verkommt) sowie, dass lediglich der Vorstand, nicht aber etwaige weitere Mitglieder identifizierbar sind, und nicht zuletzt der Umstand, dass kein Kommunikationsraum für den informellen Austausch Beteiligter und Betroffener geboten wird, zB. in Form eines moderierten Diskussionsforums. Die Linkliste, hinter der man thematisch relevante Ressourcen vermuten würde, enthält lediglich Verweise auf die Websites einzelner Gremiumsmitglieder. Damit ist der Österreichische Internetrat von einer ernstzunehmenden Ethikinstanz weit entfernt.
Mehr Biss, weniger Zwist
Man hätte der Initiative für ein wachsendes Ethik-Bewusstsein unter Web-Nutzern eine durchaus sympathischere - und damit wirkungsvollere - Publizität spendieren können. Im Web 2.0, das vornehmlich zur Selbstvergewisserung, Identifizierung und Selbstdarstellung verwendet wird (Kommunikation erfüllt all diese Aufgaben), lässt man sich nur ungern von außen diktieren, was "gut" und "richtig" zu sein hat. Nicht umsonst flüchtet man sich in den virtuellen Raum zur ungehemmten Meinungsäußerung. Was ich mir von einer entsprechenden Initiative also erwartet hätte:
Selbstkontrolle muss von innen, von den Nutzern, den Institutionen und letztendlich der Gesellschaft selbst kommen und besteht nicht aus "Urteilssprüchen" gegen unmoralische Praktiken im Web-2.0. Eine aktualisierte Medienethik kann meiner Meinung nach nur dezentral konzeptioniert sein und muss vor allem aus einem Miteinander aller Interessensgruppen hervorgehen.
Immerhin, eines hat das Projekt "ÖIR" geschafft, nämlich die Thematisierung einer stets aktuellen Problematik.
Von Gregor T. um 22:42 0 Kommentare